Die richtigen Fragen stellen – JEV-Seminar im Grenzland


Der Artikel ist erstmalig in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen" erschienen


In der vergangenen Woche trafen sich Jugendliche aus ganz Europa in Tingleff, zum Herbstseminar der Jugend Europäischer Volksgruppen (JEV). Die Eröffnungsveranstaltung fand in Klanxbüll, in Nordfriesland, statt. Ein Kompliment sei an die Veranstalter gerichtet  – die JEV und vor allem an die beiden Organisatoren vor Ort, die jungen SPitzen und den Jugendverein der Nordfriesen, Rökefloose. Professionell und in angenehmer Atmosphäre wurde die Veranstaltung durchgeführt. Doch noch wichtiger: Es wurden die richtigen Fragen gestellt. Es fand im Beisein von Vertretern der verschiedensten Minderheiten in Europa eine „grenzland-interne“ Diskussion statt, die in ihrer Offenheit wegweisend war. 

Jens A. Christiansen (Generalsekretär SSF), Renate Schnack (Minderheitenbeauftragte), Bahne Bahnsen (Vorsitzender des Friisk Foriining), Stephan Kleinschmidt (ehemaliger JEV-Präsident und deutscher Nordschleswiger) und Jørgen Kühl (ehemaliger JEV-Präsidiumsvertreter und Vorsitzender des ECMI) diskutierten über das Minderheitenmodell im deutsch-dänischen Grenzland. Momme Nommensen und Lasse Tästensen führten durch die Diskussion. Einem Moderatorenteam kann nichts besseres geschehen, als nicht viel in Erscheinung treten zu müssen. Die Gäste aus den drei Minderheiten des Grenzlandes (leider fehlte ein Vertreter der Sinti) hatten sich viel 
zu sagen. Die Veranstaltung stand unter der Leitfrage, ob die Bonn-Kopenhagener Erklärungen, die in diesem Jahr Jubiläum feiern, noch zeitgemäß sind. 

Zwei Konklusionen gilt es aus der lebhaften Podiumsdiskussion festzuhalten: Das „Grenzland-Modell“ ist in der Tat erfolgreich und vorbildlich, wenn man die Situation der beiden nationalen Minderheiten, der deutschen und der dänischen, als Gradmesser nimmt. Differenzierter sieht es mit Blick auf die beiden weiteren Minderheiten im Grenzland, den Sinti und Roma sowie den Friesen, aus. Es gibt noch viel zu tun. Die Initiative von Renate Schnack, durch den Handlungsplan Sprachenpolitik, eine praktisch-finanziell-politische Verbesserung der Lage zu erreichen, ist begrüßenswert. Der Weg bleibt noch weit, um zur Spitzengruppe in Europa aufzuschließen. 
Doch die beiden nationalen Minderheiten haben ebenfalls Herausforderungen. Weniger in der juristischen oder materiellen Absicherung; die externen Faktoren können heute  – 60 Jahre nach den Bonn-Kopenhagener Erklärungen – im Großen und Ganzen als vorbildlich geregelt gelten. Die aktuellen Herausforderungen sind interner Art und verdichten sich in der Frage, wie sich die Minderheiten in Zukunft sehen, wie sie ihre Identität definieren, ihre Ziele und Perspektiven festlegen. 

Wie sieht der Idealtypus (Jørgen Kühl) des Minderheitenmenschen 2015 aus und wie zeigt sich dieser im Vergleich mit der gelebten Minderheitenrealität, in den Familien, den Schulen und Vereinen? Eine nationale Identität könne nicht wie eine Ware im Supermarkt betrachtet werden, wo man sich rauspickt, was einem gerade gefällt, so Jens A. Christiansen.

Oder Stephan Kleinschmidt, der eindringlich davor warnte, den Angehörigen der Minderheiten mit übertriebenen nationalen Geboten, eine Plastiktüte über den Kopf zu stülpen, unter der man nicht atmen könne. 

Der Idealtypus Minderheitenmensch und die eine richtige Minderheiten-Identität gibt es (Gott sei Dank) nicht. Aber es gibt Gesprächsbedarf, wie sich die Minderheiten in Zukunft sehen.
 Wir sollten der JEV danken, dass sie diese Fragen, die es bereits seit längerem mehr oder weniger unterschwellig gibt, ins Rampenlicht eines Podiums geholt hat.  Es gilt nun dran zu bleiben  – jede Minderheit für sich, denn wir sind bei allen Gemeinsamkeiten doch sehr unterschiedlich (und das ist gut so). Aber auch gerne – wo es Sinn macht – gemeinsam, denn unsere Minderheitenregion ist uns ein gemeinschaftliches Anliegen.

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