Willkommenskultur und Abschottung

-- Der Artikel ist erstmals in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen - in Der Nordschleswiger erschienen.---

Vor wenigen Wochen stand Europa noch „am Abgrund“ der griechischen Schuldenkrise. Heute spricht kein Mensch mehr von Varofakis und den Hilfspaketen. Es gibt nur ein Thema: Die Flüchtlinge, die vor allem aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Eritrea nach Europa gelangen, um sich vor Krieg, Verfolgung und Hoffnungslosigkeit in Sicherheit zu bringen. 

In der Griechenlandkrise war Deutschland – vor allen in den linken Medien - der große Buhmann. Angela Merkel wurde, als die Reinkarnation des bösen Deutschen dargestellt.  Nun wird Angela Merkel und Deutschland von den gleichen Medien – von Information, Politiken, The Guardian, The New York Times, Le Monde etc. - als das humane Gesicht Europas gefeiert. Grund dafür ist die Öffnung der deutschen Grenzen für die vielen Flüchtlinge und das resolut-offenherzige Engagement der deutschen Zivilgesellschaft. 

Man muss schon ein sehr gefühlskalter Mensch sein, wenn einen nicht der leichte Schauer einer Gänsehaut überfällt, bei dem Anblick der Münchner Bürger, die an den Hauptbahnhof drängen, um den Flüchtlingen, die aus Ungarn zu Tausenden anreisen, zu zeigen, dass sie in Deutschland willkommen sind.

 Die Flüchtlinge, für die Deutschland ein Sehnsuchtsort des Friedens geworden ist, rufen dabei „Deutschland, Deutschland“ und „Merkel, Merkel“.  Das Wort Willkommenskultur scheint sich neben Waldsterben, German Angst, und Energiewende im englischsprachigen Wortschatz festzusetzen. 

Die in den europäischen Medien derweil anzutreffende Gleichsetzung Dänemarks mit den osteuropäischen Ländern, die sich strikt weigern, Flüchtlinge aufzunehmen, ist falsch und unfair. Orbans Ungarn, das derzeit eine fremdenfeindliche und rassistische Breitseite nach der anderen ablässt und einen Zaun errichtet, um sich abzuschotten, kann natürlich nicht mit der rhetorischen Kraftmeierei von Dansk Folkeparti und Inger Støjberg verglichen werden. Dänemark nimmt zwar insgesamt weniger Flüchtlinge auf als das Bundesland Schleswig-Holstein, aber dennoch, mit Blick auf die Nothilfe in den Krisengebieten und den humanitären Maßnahmen, ist Dänemark weit von einem Vergleich mit Ungarn entfernt. 

Wahr ist aber auch, dass Dänemark sich abschottet und seit gestern mit Anzeigen in  libanesischen Zeitungen den Verzweifelten dieser Welt wissen lässt, dass sie bei uns nicht willkommen sind. Dass Dänemark sich an einer europäischen Quotenregelung für Flüchtlinge nicht beteiligen will, wird noch für einigen Gesprächsstoff beim nächsten EU-Gipfel sorgen. Derzeit gibt es eine große 
Koalition der Abschottung von Venstre über Sozialdemokraten,  die  es ablehnen, dem Beispiel von Deutschland, Frankreich und Großbritannien zu folgen. 

Wir können alle nur hoffen, dass Deutschland mit seiner Politik Erfolg haben wird. Denn was ist die Alternative? Den ungarischen Zaun oder eine Mauer um ganz Europa ziehen? 
Eine jede Mauer bricht, wenn der Druck stark genug ist. Das sagt sich selbst. Das bedeutet, falls wir, also Europa, es nicht schaffen, Lösungen zu finden und uns den tiefgreifenden Ursachen zu stellen, warum es zu den Kriegen und dem Elend gekommen ist, das die Menschen auf die Flucht zwingt, wird uns kein Zaun oder Mauer helfen können. Europa wird scheitern. Dass sich Dänemark dabei als Insel der Glückseeligen „ausklinken“ könnte, ist viel naiver, als die uns „Gutmenschen“ vorgeworfene Hilfsbereitschaft den Flüchtlingen gegenüber. 

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