Junts pel Sí : Wie die Katalanen Madrid und Brüssel zittern lassen

Vielen Katalanen wollen keine Autonomie - sie wollen Unabhängigkeit
Der Artikel ist erstmals in der Tageszeitung "Der Nordschleswiger" erschienen.

Wenn heute in Barcelona, Tarragona, Lleida und Girona die Wahllokale schließen, könnte die Entscheidung der Katalanen erhebliche und nicht abzusehende Auswirkungen auf die Zukunft Spaniens und der Europäischen Union haben. 

Die über fünf Millionen wahlberechtigten Katalanen sind nämlich am Wochenende nicht nur aufgefordert, eine neue Regionalregierung zu wählen; es handelt sich bei dem Urnengang de facto um ein Unabhängigkeitsreferendum. 
Catalunya ist nicht Spanien oder warum Pep Guardiola nie spanischer Nationaltrainer wird

Der Reihe nach: Als der Verfassungsgerichtshof in Madrid 2014 den Wunsch der großen Mehrheit der Katalanischen Nationalversammlung (Regionalparlament) verwarf und den Bürger der Provinz verbot, darüber abzustimmen, ob sie eine Loslösung von Spanien wünschten, war die Empörung unter den Katalanen groß. 
Eine kleine Sternstunde im dänischen Parlament: Folketing diskutiert Unabhängigkeit Kataloniens
Daraufhin hat sich  eine sehr ungewöhnliche Koalition zusammengetan. Bei der Kandidatur Junts pel Sí ("Zusammen für das Ja") handelt es sich um eine gemeinsame Liste der liberalen CDC und der linken ERC, denen gemein ist, dass sie für die Unabhängigkeit Kataloniens eintreten. Unterstützt wird sie von weiteren sezessionistischen Parteien und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Politisch haben die Verbündeten ansonsten nichts oder zumindest nur sehr wenig gemeinsam. 


Junts pel Sí  hat den Wählern unmissverständlich klar gemacht, dass sie nur für sie stimmen sollten, wenn sie eine Unabhängigkeit Kataloniens wünschen. Daher ist die Regionalwahl eine de facto Abstimmung über den Beginn einer Loslösung Kataloniens von Spanien geworden. Derzeit sehen die Umfragen eine Mehrheit für die Sezessionisten voraus – wenngleich ein enges Rennen vorhegesagt wird. 

Es gibt bereits einen Zeitplan für die katalanische Unabhängigkeit, sollte diese vom Wähler am Sonntag befürwortet werden: Binnen eines halben Jahres soll der Verfassung-Prozess vorbereitet werden,  an dessen Ende die Loslösung von Madrid und dem spanischen Staat steht. 

Der konservative spanische Premier Mariano Rajoy hat es bislang kategorisch abgelehnt, mit den Katalanen über dieses Thema zu verhandeln „Es wird keine Unabhängigkeit geben. Wir haben Regionalwahlen, in denen die Regionalregierung bestimmt wird. Mehr nicht!“ 

Kataloniens Ministerpräsident Artur Mas sieht das anders. Er kommentiert die strikte Ablehnung des Staates wie folgt: „Ungehorsam hat sich immer wieder als Motor der geschichtlichen und gesellschaftlichen Entwicklung gezeigt.“  Keiner kann mit Sicherheit sagen, was geschieht, falls sich die Katalanen für eine Unabhängigkeit entscheiden. 

Übrigens liegt in dem Unabhängigkeitsbestrebungen der Katalanen auch die Begründung dafür, warum Spanien eines der wenigen Ländern in Europa ist, das sich weigert, Kosovo als unabhängigen Staat anzuerkennen. Bekanntlich hat sich Kosovo nach einer Loslösung von Serbien als Staat gegründet. Daher blicken alle Regionen, mit starken Autonomie- bzw. Unabhängigkeitsgruppierungen von Südtirol über Siebenbürgen / Transsilvanien nach Schottland und Flandern, gespannt auf das Votum der katalanischen Wähler. 


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen