Carl Holst: Facebook-Freiwild


Der Artikel ist erstmalig in der Kolumne "Bericht aus Kopenhagen" in "Der Nordschleswiger" erschienen.

Es ist kein schönes Bild, das sich derzeit im „Fall Carl Holst“ der Öffentlichkeit bietet.  Eine Demontage eines Politiküberfliegers ist in Echtzeit und in Farbe mitzuerleben. Carl Holst ist bereits in jungen Jahren zu großer politischen Verantwortung gelangt. Dabei hat er sich mit seinem Gespür für Themen und Machtfragen den meisten Konkurrenten in der „Provinz“ weit überlegen gezeigt. 

Dass nun seine politische Déroute nach der Beförderung in die Landespolitik genüsslich zelebriert wird, birgt eine gewisse Tragik. 

Hinter vorgehaltener Hand wurde oft darüber geredet, dass sich Carl Holst, nicht zuletzt im Kontakt mit Kiel und der dortigen Regierung – sehr zu seinem Ärger – nicht auf politischer Augenhöhe wahrgenommen sah. Mit dem Posten des Verteidigungsministers und verantwortlich für die Zusammenarbeit im Norden, ist Holst aus der Regionalliga in die politische Superliga aufgestiegen und hat zweifellos Augenhöhe erreicht.

Politischer Kampf um 18 Kreismandate – Carl Holst stürzt sich ins Getümmel

Ich möchte nichts zu den Hintergründen dieses rasanten Abstiegs eines ehemaligen Venstre-Kometen, der sogar als Løkke-Nachfolger gehandelt wurde, hinzufügen; dazu ist alles gesagt. 
Nur so viel: Carl Holst kann niemand anderen als sich selbst für die katastrophale Situation verantwortlich machen. Die letzten Umfragen zeigen: Holst ist zu einer Belastung für die Regierung Løkke geworden und seine politische Zukunft hängt an einem seidenen Faden.

Dass sich die Hauptstadtpresse ein Fest daraus macht, einen ehemaligen Provinzpolitiker über dem glühend heißen Feuer der Druckerschwärze zu grillen, kann nicht verwundern. 

Wenn ein Journalist „Blut riecht“, wird er unbarmherzig und Carl Holst bietet mit seinem katastrophalen Krisenmanagement ein grandioses Opfer. Die Hintergründe sind vor allem von den dänischen Regionalzeitungen in Süddänemark aufgedeckt worden. Das ist solides journalistisches Handwerk.

 Doch ganz kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass einige den unbestrittenen Regionalfürsten Holst, nun wo er nicht mehr unumstritten an den regionalen Schalthebeln der Macht sitzt, ein „tak for sidst“ nachschicken. 

Doch was wirklich bemerkenswert bis erschreckend ist, scheint mir die abgrundtiefe, bis an menschenverachtend heranreichende Häme zu sein, die vor allem in den sogenannten sozialen Medien über Carl Holst ergossen wird. 

Es scheint kein Halten mehr zu geben, wie mit der Person Carl Holst umgegangenen werden darf – er ist Facebook-Freiwild geworden. 

Groß und Klein – Politiker, Bürger und ehemalige Weggefährte sind in schöner Allianz über Carl Holst hergefallen. 

Bei vielen hat man den Eindruck, dass offene Rechnungen zu begleichen sind. Es ist kein Geheimnis, dass Carl Holst sich in seiner politischen Karriere viele Feinde gemacht hat; aber die politisch-moralische Hinrichtung, die derzeit abläuft, macht teilweise sprachlos.

Von den konkreten Inhalten abstrahierend, zeigt die „Causa Holst“ die ganze Bandbreite der sozialen Medien im politischen Diskurs, der sich mit der digitalen Revolution grundlegend verändert hat. 
Es gibt wortwörtlich keine Grenzen mehr. Was auf der einen Seite eine Transparenz und Kontrollmöglichkeit bietet, sowie die direkte Beteiligung des Bürgers mit den politischen Sachverhalten und Personal ermöglicht, ist auf der anderen Seite auch ein Dammbruch im fehlenden politischen Anstand. 

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